Amritsar – viele Haare, ein Massaker und die verrückteste Grenzzeremonie der Welt

Die eindrucksvolle Hauptstadt der Sikh Religion

Amritsar war auf meiner vergangenen Indienreise ein absoluter Höhepunkt. Ich wusste nicht viel über die Stadt, außer, dass sie die Hauptstadt der Sikh ist. Das sind die Leute mit den kunstvoll gewickelten Turbanen, deren Gott ihnen verbietet, die Haare zu schneiden. Allein schon wegen dieser Tatsache erschien mir eine Reise nach Amritsar interessant. Die Sikh haben ihrem Gott, der offenbar total auf lange Haare steht, die dann aber letztendlich doch niemand bewundern darf, weil sie immer unter dicken bunten Turbanen verborgen sind, hier in Amritsar einen wahnsinnig goldenen Tempel gebaut.

Wegen des Goldenen Tempels kommen nicht nur Sikh aus ganz Indien hierher gereist, sondern auch tausende von Hindus und ein paar vereinzelte ausländische Touristen. Der Hari Mandir Sahib oder einfach Goldene Tempel trägt seinen Namen nicht zu unrecht. Das eindrucksvolle Bauwerk strahlt in der Sonne und ist komplett mit Gold überzogen. Der Tempel liegt in einem großen Pool, der von weißen Gebäuden umgeben ist. Die Betenden umrunden den Pool, Baden darin oder pilgern ins Innere des eigentlichen Goldenen Tempels.

Die Zeremonien, die hier abgehalten werden, sind eindrucksvoll. Jeden Abend wird eine Kopie des heiligen Buches aus dem Goldenen Tempel herausgetragen und in eines der weißen Gebäude gebracht, wo es auf einem gepolsterten Thron die Nacht verbringt. Am Morgen wird es aus seinem Schlafquartier wieder heraus in den Goldenen Tempel gebracht. Den Weg legt es stets in einer goldenen und mit Blumen geschmückten Sänfte zurück.

Nicht weit von dem Tempel liegt der Jalliawalla Bagh, ein Garten mit einer besonders traurigen Geschichte. Ein Denkmal aus rötlichem Stein erinnert an das Massaker, dass Truppen der britischen Kolonialmacht hier 1919 an wohl mehreren Tausend friedlichen Demonstranten verübten. In einem kleinen Museum sind Bilder und Zeitungsausschnitte zu sehen. Erst vor wenigen Jahren hat sich Premierminister Cameron für die Bluttat entschuldigt. Die Zahl der Toten variiert je nach Angabe zwischen 100 und 4000. Der General, der den Schussbefehl gab, wurde nicht einmal beurlaubt, allerdings 20 Jahre nach der Tat in London von einem Angehörigen der Opfer erschossen.

Etwas wirklich Verrücktes habe ich an der Grenze zwischen Pakistan und Indien erlebt: die Waga Border Ceremony ist ein wahres Event der bizarren Sorte. Jeden Abend versammeln sich wohl an die 10.000 Menschen zu beiden Seiten der Grenze. Hierzu sind riesige Tribünen aufgebaut worden. Es wird ohrenbetäubende Musik gespielt, gebrüllt, gesungen und getanzt. Ein paar Männer in Galauniformen führen ein paar kriegerische Gesten auf, marschieren ein wenig herum, öffnen die beiden Tore und holen dann unter lauten Geschrei die Fahnen ein. Das ganze dauert zwischen einer und zwei Stunden und wird bejubelt wie ein Weltmeisterschaftsspielt einer beliebten Sportart. Unbestreitbar gewinnen die Inder den Wettbewerb im Brüllen, Johlen und lauten singen. Auf pakistanischer Seite wird zwar auch gejohlt und geschrien, aber sie stehen den Indern in Lautstärke und Enthusiasmus für … ja, wofür eigentlich? – um ein paar Klassen nach. Wirklich verstanden habe ich das Ereignis nicht. Ich konnte nur offenen Mundes staunen darüber, dass tausende von Menschen sich an einer für Normalsterbliche unüberwindbaren Grenze versammeln und versuchen, sich gegenseitig zu übertönen. Faszinierend.

Ich persönlich bevorzuge ja Grenz-Feierlichkeiten, bei denen die Grenzen offen sind. Aber diese Waga Border Ceremony ist definitiv ein unvergleichliches Ereignis!

Eure Beatrice!

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