London – Schwere Steine und höflicher Regen

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London muss unheimlich wichtig sein, wenn man von der Zahl der vorhandenen Flughäfen ausgeht. Von Luxemburg werden nur zwei der fünf Flughäfen angeflogen aber trotzdem nimmt die Suche nach einem passenden Flug, dem richtigen Flughafen, einer Transportmöglichkeit in die Stadt und einem Hotel das nicht unbezahlbar ist, einige Zeit der Vorbereitung in Anspruch.

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Am Ende entscheide ich mich für den Flughafen Gatwick, einen einstündigen Bustransfer und gegen ein Hotel. Wie bei meinem letzten Aufenthalt in London vor etwa 17 Jahren, werde ich in einem der halbwegs preiswerten Hostel in einem Mehrbettzimmer nächtigen und zum englischen Regengott beten, dass meine Zimmergenossen nicht schnarchen. Das Hostel stellt sich als ein sehr eng belegtes Etablissement heraus, das in mehreren der eleganten englischen Stadthäuser im Stadtteil Kensignton untergebracht um nicht zu sagen hinein gequetscht ist.

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Meine Zimmergenossen treffe ich etwa eine Stunde, nachdem ich eingeschlafen bin. Vier laut lachende Damen und ein junger Mann betreten geräuschvoll das Zimmer und jemand setzt sich auf meinen Fuß. Es stellt sich heraus, dass die Herrschaften aus Paris kommen und wir uns also unterhalten können. Ich verbringe die Zeit bis halb eins damit, mir die neu erworbenen Kleidungsstücke der Mädels anzuschauen, hin und wieder ein Kommentat abzugeben, den Bacardi zu kosten und mir Shoppingtipps für die Londoner Innenstadt geben zu lassen. Eine von ihnen ist der festen Überzeugung, dass London nicht zur EU gehört und dass es in Luxemburg einen Großherzog gibt, finden alle urkomisch (was es ja auch eigentlich ist). Da ich vorhabe, am Morgen um halb sieben aufzustehen und meine gebuchte Reise nach Stonehenge nicht zu verschlafen, lehne ich das Angebot ab, mich der Partytruppe für die nächtliche Feierstunde anzuschließen.

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Ich finde zielsicher die Stelle, an der mich ein Busfahrer abholt und mir zunächst einmal erklärt, dass ich mich nicht in einem ‘bus’ sondern in einem ‘coach’ befindet. Coaches werden für längere Strecken eingesetzt und der größten und wichtigste Unterschied zwischen einem ‘bus’ und einem ‘coach’ ist in seinen Augen, dass ein ‘bus’ von einem Busfahrer gefahren wird, ein ‘coach’ hingegen von einem Gentleman.

Die Fahrt nach Stonehenge dauert zwei Stunden. Ich habe eineinhalb Stunden Zeit, um mir vom Audio Guide alles Wissenswerte über die riesigen Steine erklären zu lassen, einige Fotos zu machen und den Souvenirshop zu begutachten. In den Erklärungen zu Stonehenge und den möglichen Gründen für die Errichtung dieser Stätte, kommen sehr viele Konjunktive vor, denn vieles in noch immer ungeklärt. Fest steht, dass sich jemand die Mühe gemacht hat, gigantische Steine von verhältnismäßig weit her zu schleppen und diese dann hier aufzustellen. Ich stelle mir vor, dass es nicht ganz einfach gewesen sein mag, die Menschen von so einer fixen Idee zu überzeugen. Die Gründe müssen also echt gut gewesen sein, sonst hätten die Bewohner dieser Gegend vor 5000 Jahren einfach die Augenbrauen hochgezogen oder zumindest nach dem ersten Stein mit dem schweißtreibenden Unsinn aufgehört. Tatsächlich wurde aber über Generationen weiter daran gebaut. Heute stehen noch so viele der Steine, dass man sich gut vorstellen kann, wie es einst gewirkt haben mag. Die restlichen sind Bauprojekten zum Opfer gefallen.

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Zurück in London, unternehme ich meine Sightseeingtour mit Hilfe der U-bahn. Ich finde ohne große Schwierigkeiten Big Ben, die Westminster Abbey und den Buckingham Palast. Dann suche ich noch nach der berühmten Gurke von Norman Foster, die in einem samstags nachmittags vollkommen leeren Geschäftsviertel steht und wie neu aussieht. Den ganzen Nachmittag bewege ich mich unter höflich zurückhaltendem aber konstantem Regen, der mich schließlich dazu bringt, in einem Souvenirshop einen Regenschirm zu kaufen, die neben Postkarten und Tassen in Form von Telefonzellen der Verkaufsschlager sind.

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Im Camden Lock beschließe ich den Tag mit einem indischen Essen und einem Bummel durch den Trubel des Marktes, auf dem Räucherstäbchen, Plateauschuhe, ausgefallene Kleidungsstücke und die skurrilsten Accessoires verkauft werden. In einem der Läden ist die Musik so laut aufgedreht, dass ich mir wünsche, sie würden Gehörschutz verkaufen. Tatsächlich verkaufen sie alles vom Badeanzug über Socken, bis hin zu Plüschtieren und Dildos, wobei alle Artikel im Schwarzlicht leuchten. Als ich in einem indischen Geschäft einen Schal kaufen will, ist hier gerade ein wildes Eifersuchtsdrama im Gange, bei dem sich der Besitzer und ein Angestellter über eine Frau und eine Tasse Kaffee gewaltig in den Haaren haben. Ich beschließe, dass ich doch eigentlich keinen Schal brauche. Ich will mir auch ein typisches und trendiges Kleidungsstück kaufen und lasse mich von einer Shopbesitzerin beraten. Sie hält mir verschiedene Dinge an den Körper, die mir alle so erscheinen, als seien sie acht Nummern zu groß. Sie betont mehrfach, dass alle Kleidungsstücke in ihrem Laden ‘one size’ sind und dass man das nunmal heute so trägt. “Size doesn’t matter!” ruft sie lachend. Und am Ende verlasse ich den Laden mit einem riesigen Shirt mit Eulenaufdruck. Falls mich jemand darauf anspricht, werde ich laut lachen und sagen: “das trägt man jetzt so!”

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Später sitze ich auf einer Bank und drei junge Mädchen setzen sich neben mich. In dem festen Glauben, dass sie niemand versteht, unterhalten sie sich auf deutsch über ihre Vorlieben beim Rasieren ihrer Beine. Als eine von ihnen dann kurz aufsteht, um zur Toilette zu gehen, sagt eine der beiden neben mir: “Ist die jetzt so aufgeregt, weil sie in London ist oder ist sie immer so?” Ihre Freundin findet keine diplomatische Antwort und nuschelt etwas in ihr Glas. “Also ich ertrage sie nicht!” Als Nummer drei von der Toilette zurück kommt, wird sie angelächelt und die drei unterhalten sich weiter über Rasuren, um dann auf das Thema Katerrezepte überzugehen.

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Im Hostel erwartet mich meine Truppe aus Paris, die heute den Abend im Zimmer verbringen und mich in die Festlichkeiten einbeziehen will. Der junge Mann hat nicht viel zu melden bei den vier lebensfrohen und vitalen jungen Damen, aber er wird angehalten, mir seine Tätovierung auf dem Rücken zu zeigen. Ich muss sagen, dass ich noch selten so viel Spaß dabei hatte, vom schlafen abgehalten zu werden. Es werden Tänze aufgeführt, eine Modenschau präsentiert, Analysen und Bewertungen meiner Tätowierungen vorgenommen und die Männer im Allgemeinen verteufelt. Irgendwann legen wir uns schließlich zum Schlafen hin. Gegen vier Uhr am Morgen erreicht eine SMS eines der Handys mit der Nachricht, dass eine meiner Zimmergenossinnen gerade Tante geworden ist. Diese freudige Botschaft wird mit lauten Jubelschreien begrüßt, so dass nun sicher auch der letzte Bewohner des Hotels informiert ist.

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Am Sonntag findet im Stadtteil Nottingham der alljährliche Karneval statt. Leider bekomme ich nur sehr wenig davon mit, weil mein Flug am Nachmittag bereits wieder in Richtung Luxemburg abhebt. Meine Zimmergenossen haben sich jedoch in Schale geschmissen, sich Fähnchen mit der jamaikanischen Flagge gekauft und ich verlasse sie nur ungern. In dem bunten und lauten Treiben sind sie perfekt aufgehoben. Mit dem Versprechen, bald nach Luxemburg zu kommen, verabschieden mich die fünf herzlicher als ich es von langjährigen Freunden gewohnt bin.

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Also, wenn ihr keine Angst vor Wasser habt, wenn ihr wirklich schwere Felsbrocken oder Polizisten mit albernen Hüten sehen wollt oder wenn ihr einfach nur Karneval feiern wollt Mitten im August, dann treffen wir uns nächstes Jahr um dieselbe Zeit in London!

Eure Beatrice!

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