Rock am Ring 2013 – Vierjahreszeitenfestival

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Jeder, der jemals das große Festival Rock am Ring in der Eifel besucht hat, weiss, dass man hier mit allem rechnen muss. So war ich auf das Meiste vorbereitet, konnte aber dennoch sowohl vom Wetter als auch vom musikalischen Angebot sowie den modischen Fehltritten der Gäste überrascht und hingerissen werden.

Zunächst einmal der Schock des Wochenendes: Das Festival-Armband, das als Eintrittskarte fungiert, ist ROSA. Okay, das Festival gibt es schon seit 28 Jahre und vielleicht gab es schon alle anderen Farben. Das berechtigt aber noch lange nicht dazu, breitschultrigen Rockern in Lederjacken und finster dreinschauenden bärtigen Metalfans rosa Armbändchen anzulegen! Die Besucher, die in Bademänteln, Frosch- oder Kuhkostümen, Pelzmänteln, Schlafanzughosen und Schottenröcken erscheinen, mögen sich vielleicht gedacht haben, dass das rosa Armbändchen gut zu einem Hello Kitty Ohrring passt, der an fast allen Verkaufsständen im Angebot ist… aber die Träger der T-shirts von Blackmetal Bands verspüren bestimmt noch heute ein leichtes allergisches Jucken dort, wo der rosa Stoff ihre zarte mondbeschienene Haut berührt hat.

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Der Freitagabend gestaltet sich wettertechnisch perfekt: Sonnenschein, angenehme 22 Grad, ein paar zierende Quellwölkchen im Sonnenuntergang. Die Besucher des Festivalgeländes zeigen sich von ihrer besten Seite. Zwar ist der ein oder andere bereits dabei, sich seines Mageninhalts zu entledigen, noch bevor er das Festivalgelände betritt, aber im Großen und Ganzen reißt die gute Stimmung alle mit. Limp Bizkit betritt die Alternastage und bringt einige der Gäste zum Jubeln und Hüpfen. Nach drei bis vier Liedern gehen den Jungs jedoch die Songs aus und sie greifen auf Stücke von Pearl Jam, Nirvana und Rage against the Machine zurück. Vor allem “Killing in the Name” bringt die Menge zum Jubeln, aber das ist eigentlich kein gutes Zeichen. Wahrscheinlich kann man Limp Bizkit dann demnächst für Altennachmittage und Faschingsveranstaltungen mieten.

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Auch die vielgepriesene Band von Schönling Jared Leto “30 seconds to mars” zeigt mit ihrer Darbietung auf der Center Stage, dass sie definitiv nie zu den Rocklegenden gehören wird. Mit einer schnulzigen Luftballonshow verjagen sie schnell alle Freunde des Rock und Metal. Den Abend rettet dann Korn, die sich ins Zeug legen und den Boden beben lassen. Fliegende Dreadlocks und heisere Schreie versöhnen mich mit dem Freitagabend. Eine Dame im Bienenkostüm links neben mir führt ihren ganz eigenen zuckenden Tanz auf und grölt laut mit.

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Der Samstag fügt sich in eine lange Tradition von vollkommen verregneten Rock am Ring Tagen ein. Die vom Wetterbericht versprochenen fünf Liter pro Quadratmeter fallen zuverlässig auf alle Anwesenden und sorgen für nasse Füße, Haare und zerfliessende Hennatattoos. Die Verkaufsbuden drehen ihre Werbeschilder mit “sun lotion 5 Euro” um. Auf der Rückseite steht “Rain poncho 5 Euro”. Auch der Stand, der Gummistiefel in verschiedenen allzu kreativen Farben verkauft, macht das Geschäft seines Lebens. Während Airborne dann mit gefühlten 200 Dezibel die Regenwolken endgültig in die Flucht schlägt, besorge ich mir verzweifelt einen Gehörschutz, um nicht taub zu werden. Der junge Mann, den ich in einem der Verkaufsstände brüllend und auf meine Ohren zeigend anstarre, beginnt schließlich in seiner Hosentasche zu kramen und schenkt mir dann zwei bunte Earplugs. Er lächelt, als ich mich schreiend bedanke und mir dämmert langsam, dass er garnicht hier arbeitet, sondern nur Schutz vor dem Regen gesucht hat. Der Sänger zerschlägt eine Bierdose an seinem australischen Dickschädel, um den Regenwolken unmissverständlich klar zu machen, wer den längeren Atem hat. Und es funktioniert: Die Menge jubelt und hüpft. Die Wolken verschwinden.

Meine Füße trocknen nur sehr langsam zu den lieblichen Klängen von Stone Sour und Volbeat, die mal wieder in meinen Augen den Höhepunkt des Festivals bieten. Auch hier gibt es heute Covereinlagen von Johnny Cash über Judas Priest bis zu Slayer (in memoriam Jeff Hanneman), aber die kann ich verzeihen, da sie nicht Hauptbestandteil der Darbietung sind. Neben mir tanzen zwei junge Männer in Schlafanzughosen, die einen deutlich zu großen Prozentsatz der Unterwäsche freigeben. Es scheint sich um einen Balztanz zu handeln, denn sie tanzen vehement und enthusiastisch in Richtung von zwei jungen Damen, die aber nur gelangweilt ihre Socken auswringen und ab und zu mal einem der beiden aufmunternd bis mitleidig auf die Schulter klopfen. Schließlich verlassen einen der beiden die Kräfte und er lässt sich auf meinem klatschnassen und sehr schmutzigen linken Schuh nieder, um augenblicklich einzuschlafen. Die 120 Dezibel scheinen seinen Schlaf in keiner Weise zu beeinträchtigen und ein dicker Mann mit Strohhut und Baströckchen zeigt laut lachend auf meinen Fuß und hält mir die Hand zum Abklatschen hin. High five! Dann jedoch geschieht das Wunder: Der schlafende junge Mann auf meinem Fuß erhält offenbar eine SMS, wacht auf, beantwortet die SMS und sinkt dann wieder mit seinem Köpfchen aufs Knie. Michael Poulsen schreit: “counting all the assholes…” aber das hat natürlich nicht dieselbe Wirkung wie ein zarter SMS-Ton.

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Am Sonntag hat sich der Zustand der Dixi Toiletten schon in einem Maße verschlechtert, das mich von Usbekistan träumen lässt. Die Mehrzahl der Besucher scheint nicht mehr in der Lage zu sein, die Plastiktoilettenschüssel als solche zu erkennen geschweige denn sie zu treffen. Das Wetter hat seine Vierjahreszeitendarbietung noch nicht abgeschlossen und geht zum winterlichen Teil über. Bei frischen 11°C zieht sich so dichter Nebel zusammen, dass ich die Bühne kaum noch erkennen kann.

Wirklich rockige Musik gibt es heute nur noch auf der meist unbeachteten Clubstage. Eine Band mit dem illustren Namen ‘Nekroglobikon’, ‘in this moment’ und ‘escape the fate’ können jedoch auch nichts gegen die feindselige Kälte unternehmen. Zitternde junge Damen in durchnässten Netzstrümpfen wärmen ihre Hände an heißem Kaffee. Vor dem Kaffeestand ist mehr Betrieb als am Bierstand, was eigentlich den Gesetzen der Logik widersprechen sollte. Die Eisverkäuferin packt ihren Laden zusammen und der nette Peruaner mit den selbstgehäkelten lustigen Mützen kommt mit dem Wechselgeld nicht mehr nach.

Alles in allem ein gelungenes und recht anstrengendes Wochenende.

Eure Beatrice!

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