Sisimiut – Walfänger ohne Straßenanbindung
Ich muss zugeben, dass ich von Sisimiut noch nie gehört hatte, bevor ich meine Reise nach Grönland gebucht hatte. Die Stadt ist nicht etwa nach der Kaiserin Sissi benannt. Ein Glück. Sisimiut ist grönländisch und bedeutet so etwas wie «die Leute beim Fuchsbau». Mit 5500 Einwohnern ist Sisimiut die zweitgrößte Stadt des Landes nach der Hauptstadt Nuuk.


Nur wenige Länder dieser Erde haben eine so übersichtliche zweitgrößte Stadt. Es gibt ein Museum, das leider geschlossen hat, eine rot angestrichene Kirche aus Holz und eine Reihe bunte Wohnhäuser, die ebenfalls aus Holz bestehen. Etwas außerhalb des Zentrums befinden sich zwei kleine Siedlungen, die als Legoland bekannt sind, weil diese Reihenhäuser so bunt sind wie Lego-Häuser.
Ich will mir die Legohäuser von der Teleinsel aus ansehen und gleichzeitig auf dieser Halbinsel die historischen Überbleibsel früherer Siedlungen ansehen. Dazu spaziere ich abseits der wenigen Straßen von Sisimiut durch Sumpf, Torf und Tundravegetation sowie über dunkle Felsen am Wasser entlang.


Der kaum erkennbare Wanderpfad ist nur ein paar Kilometer lang, aber dadurch, dass er auf unebenem Gelände mitten durch die Natur führt, empfinde ich ihn als besonders abwechslungsreich. Kleine Kieselstrände, mit Flechten überwachsene Felsen, torfiger Boden mit arktischen Blümchen und Pilzen erinnern mich ein wenig an Island.
Auf der Teleinsel steht ein Funkmast und es gibt eine Helikopterlandeplatz. Das eigentlich interessante sind jedoch die Ruinen von ehemaligen Wohnhäusern, Gräbern und Ställen, die aus vergangenen Zeiten stammen. Es gibt Steinhäuser aus dicken runden Felsbrocken, sogenannte Torfhäuser, die mit Torf isoliert waren und ein paar Steingräber. Hier auf der Insel hat bereits vor 4000 Jahren sie Saqaqq Kultur gesiedelt. Die meisten Ruinen stammen jedoch auf dem 17. und 18. Jahrhundert von den Iniut, die auf der Teleinsel von Sisimiut Walfett und Barten verarbeitet haben. Ich habe mir sagen lassen, dass bereits vier gefangene Wale die gesamte Siedlung für ein ganzes Jahr ernähren konnten.


Heute jagen die Menschen eher Rentiere und Robben. Im Ortskern kann ich sogar live miterleben, wie Rentierfelle mit kleinen Bürsten und Schabern bearbeitet werden. In einem winzigen Supermarkt kostet eine Dose Cola mehr als 3,50 Euro. Wie alle anderen Städte auf Grönland auch, hat Sisimiut keine Straßenanbindung an eine andere Stadt. Alles, was es hier gibt, wird also mit dem Boot gebracht und ist daher sündhaft teuer.
Mir fällt es schwer, mir ein Leben in einer so abgelegenen Siedlung vorzustellen, wo es im Hochsommer Temperaturen von über 10 Grad Celsius gibt und wo jeder jeden kennt. Aber Sisimiut hat einen gewissen Charme.
Eure Beatrice!


