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Glasgow – Die Schotten und die Verkehrskegel

Glasgow – Ananas zu vermieten

Von Edinburgh aus ist es nur ein Steinwurf bis nach Glasgow. Die Zugfahrt dauert weniger als eine Stunde, dennoch kann das Wetter sehr unterschiedlich sein. Glasgow soll ja eine hässliche Industriestadt sein, aber sie hat sich mir von ihrer schönsten Seite gezeigt. Das Wetter war grandios und ich hatte endlich die Möglichkeit, die Menschen schottisch reden zu hören. Das hat mir in Edinburgh ein wenig gefehlt, weil da so viele Touristen und Einwanderer leben und sich sogar die Einheimischen Mühe geben, verständlich zu klingen.

In Glasgow hatte ich den Eindruck, das wahre Schottland zu erleben. Hier klingen die Worte „medical“ und „miracle“ exakt gleich, was zu herrlichen Verwirrungen führen kann. Warum mit jemand von Medizin und Wundern erzählt hat? Ganz einfach. Bei der Stadtführung lernt der Besucher zunächst einmal, dass die Schotten alles frittieren. Alles. Von der Pizza bis zum Schokoriegel. Alles.

Dann geht es um die Stadtgeschichte, die mit der Geschichte Schottlands eng verwebt ist. „Irgendwann kamen die Römer nach Glasgow“, erzählt mein Stadtführer. „Aber sie mochten die Stadt nicht. Es gab nur während ein paar Wochen im Jahr Fische im Fluss. Diese musste man mit viel Satz mühsam haltbar machen. Und dann waren da noch die Pekten, eine Horde von nackten Männern, die ihre Körper blau anmalten und schreiend versuchten, die Römer umzubringen. Es war nicht das, was sich die Römer vorgestellt hatten und so bauten sie eine Mauer.“

Dann sind da all die Könige, die James heißen und schließlich die schottische Königin Mary, die als Kind nach Frankreich geschickt wurde, um dort den König zu heiraten, was sie mit 18 auch tat. Der arme Kerl starb kurz darauf, weshalb Mary nach Schottland zurück kehrte. Sie endete im Gefängnis und schließlich wurde ihr Sohn James der Sechste von Schottland sowie gleichzeitig James der Erste von England. So kam es, dass die beiden Länder vereint wurden. Bis heute gibt es viele Leute, die das nicht gut finden.

Schließlich lerne ich etwas über den heiligen Mungo, der nach Schottland kam, um die Menschen vom Christentum zu überzeugen. Und hier geht es um medical und miracle, denn der heilige Mungo hatte medizinisches Wissen und half den Leuten, wo er konnte. Bald schrieben sie ihm wundertätige Fähigkeiten zu. Sie kamen mit allen möglichen Probleme zu ihm. Da war zum Beispiel Anne, die mit dem König verheiratet war. Dieser hatte ihr einen unanständig teuren Ehering geschenkt. Sie gab den Ring einem jungen Mann, den sie lieber mochte, als ihren Ehemann. Als der arme Kerl bemerkte, was er in der Hand hielt, warf er den Ring in den Fluss, weil er keinen Ärger haben wollte. Anne kam in Erklärungsnot gegenüber ihrem Mann und suchte den heiligen Mungo auf, der prompt die Angel in den Fluss hielt und einen Fisch herauszog, in dessen Mund sich der gesuchte Ring befand. Ein Wunder, ganz klar.

Die Schotten wollten wie viele andere europäische Nationen vom Kolonialismus profitieren. Sie suchten sich eine Gegend in Panama aus, wo sie eine Verbindung zwischen den beiden Ozeanen bauen und dafür Maut erheben wollten. Was auf der Karte gut aussah, stellte sich als ein Sumpf voller Moskitos, Krokodile, Schlangen, Hitze und Jaguare heraus. Alle Schotten starben und eine Menge Geld war in den Sand beziehungsweise in den Sumpf gesetzt. Die Stadt Glasgow wurde schließlich doch noch reich durch den Tabakhandel. Das funktionierte einwandfrei, weil man einerseits den Plantagenbesitzern Kredite gab und sie dann zum Zeitpunkt der Ernte durch Preismanipulationen über den Tisch zog und andererseits, weil das gesamte Geschäftsmodell aus Sklavenarbeit basierte. Jemand namens Thomas Jefferson musste seine gesamte Farm verkaufen, weil er so viele Schulden bei den Glasgowern hatte. „Man könnte also sagen, dass Glasgow an der amerikanischen Unabhängigkeit schuld ist“, sagt der Stadtführer.

Am ehemaligen Rathaus sieht man den Tabak-Reichtum, denn da sind Statuen von Isaac Newton und Galileo zu sehen, zwei Persönlichkeiten, ie absolut nichts mit Glasgow zu tun hatten. Da gibt es außerdem ein Schild, das darüber informiert, wie lange ein Fuß ist. Der Stadtführer erzählt davon, dass ein Fuß früher immer genauso lang war, wie der Fuß des Königs. „Gab es einen neuen König, zogen Leute los, um allen im Reich zu erklären, wie groß der neue Fuß war. Manchmal kamen sie zurück, nur um festzustellen, dass es bereits wieder einen neuen König gab und sie sich gleich wieder auf den Weg machen mussten. Mühsame Sache.“ Das gleiche Problem stellte sich mit einem Yard, was der Abstand zwischen der Nasenspitze und den Zehen des Königs war.

Wir kommen am einem der ehemaligen Marktplätze vorbei, wo Tabak, Zucker und leider auch Sklaven gehandelt wurden. Hauptsächlich männliche Kinder, die in den noblen Haushalten als Kellner oder einfach als Dekoration dienten. Der Stadtführer erzählt davon, dass man zahlreiche Gemälde aus der Zeit gefunden hat, auf denen diese kindlichen Diener und Statussymbole später übermalt worden waren.

Irgendwann kamen die Schotten zur Vernunft und es gibt auch viele sympathische Geschichten. Zum Beispiel haben die Verantwortlichen von Glasgow den Platz vor der südafrikanischen Botschaft in Nelson Mandela Square umbenannt. Und zwar während der Apartheid. Einfach nur, um die Südafrikaner zu ärgern.

Auf dem Markt konnte man außer Zucker und Tabak und Sklaven auch Ananas kaufen. Eine Ananas kostete soviel wie heute ein Sportwagen und Ananas waren das absolute Statussymbol dieser Zeit. Lustigerweise konnte man eine Ananas auch mieten, wenn man ein wenig angeben wollte.

Meine Lieblingsgeschichte aus Glasgow ist jedoch die mit den Verkehrshütchen, diese orange-weiß gestreiften Kegel, die an Baustellen herumstehen. Irgendwann kam der erste Bewohner von Glasgow in der Nacht im besoffenen Kopf auf die Idee, einer der Reiterstatuen einen dieser Kegel auf den Kopf zu setzen. Die Stadtverwaltung holte ihn am nächsten Morgen wieder herunter. Tags darauf war er wieder da oben. Was für ein Spaß. Fünfzehn Jahre lang war es ein Riesenspaß für betrunkene Glasgower, diese Hütchen auf alle möglichen Statuen zu befördern und die Stadtverwaltung beschäftigte drei Leute mit Leitern, die jeden Tag die Hütchen wieder herunter holten. Irgendwann gab es eine Kampagne der Stadt, die sich diese Gehälter sparen wollte. Aber es gab eine Gegencampagne auf den Sozialen Medien. Sie hieß „leave the cone alone“ und hatte in wenigen Tagen 700.000 Likes. Seither bleiben die Hütchen einfach auf den Statuen. 2014 gab es einen Rekord von 13 Hütchen auf einer einzigen Reiterstatue. „Edinburgh hat versucht, es uns nachzumachen, aber Glasgow ist in dieser Frage einfach unschlagbar.“

Banksy soll gesagt haben, dass diese Reiterstatue mit den Verkehrshütchen darauf das inspirierendste Stück Kunst auf der Welt sei.

Überhaupt sind die Bewohner von Glasgow ein ganz besonderer Menschenschlag. „Man hat bei einer Messerstecherei in Glasgow mehr Spaß als auf einer Hochzeit in Edinburgh“, betont der Stadtführer. Es sei keine Rivalität zwischen den Städten, sagt er. „Es ist einfach so.“

Als weiteren Beweis erzählt er die Geschichte von Bono von U2, der auf seiner Tournee im Stadion von Glasgow seine Show abzog. Er klatschte in die Hände und sagte dann, was er auf jedem Konzert sagte: „Immer wenn ich klatsche, stirbt ein Kind in Afrika.“ In Glasgow erzielte er jedoch nicht die gewünschte Wirkung wie Mitleid oder Spendenbereitschaft. Jemand aus dem Publikum brüllte nur: „Dann hör verdammt nochmal auf zu klatschen!“

Sehr sympathisch!

Eure Beatrice!

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