Kambodscha – Angkor, Amok und Angkar

Kambodscha liegt in Südostasien und es ist durch zwei Sachen weltweit bekannt geworden: einerseits die unglaublich gut erhaltenen Tempelruinen von Angkor Wat, die teils 1000 Jahre alt sind und den Betrachter in ähnliches Staunen versetzen wie die Pyramiden von Gizeh und die Tempel der Maya und Inka in Südamerika; andererseits die jüngere Geschichte des Landes. In den 70er Jahren erlebte Kambodscha einen mehr als grausamen Völkermord unter dem Regime der Khmer Rouge, der Roten Khmer. Beides sind Gründe, warum ich ein zweites Mal Kambodscha besuche und mir diesmal mehr Zeit lasse, um auch den Süden des Landes zu erleben.

Kambodscha -Angkorwat

Ein kleiner Fehler hat sich in meine Reiseplanung eingeschlichen: Gleich am ersten Tag sehe ich den berühmtesten und größten Tempel Angkor Wat und den etwas kleineren aber auch bekannten Tempel Bayon. Damit kann es ab dem 2. Tag eigentlich kaum noch schöner werden, denn diese beiden Tempelanlagen sind so beeindruckend, dass ich am liebsten stundenlang einfach nur mit offenem Mund staunen möchte. Natürlich erinnere ich mich von meinem letzten Besuch an die mächtigen Türme mit den Gesichtern und an die Wassergräben sowie die schnalen steilen Stufen, aber trotzdem haut mich der Anblick wieder um.

Kambodscha-Bayontempel

In den nächsten drei Tagen gibt es aber trotzdem noch viele andere Tempel zu erkunden, von denen zumindest der Ta Phrom und der Bantey Srei ebenso eindrucksvolle Kunstwerke sind. Der Besuch des Tempels Beng Mealea steht eigentlich nicht auf meinem Programm, aber mein Reisebegleiter Yim schwärmt in so hohen Tönen davon, dass wir uns einen halben Tag für den Ausflug in den Norden nehmen. Der Beng Mealea wird zwar von allen chinesischen Reisegruppen besucht, aber so gut wie nie von den Europäern. In China ist er bekannt, weil ein Film ihn groß in Szene gesetzt hat. Er liegt malerisch im Dschungel, so als hätte man ihn eben erst wieder entdeckt. Die Bäume und Wurzeln ranken sich um und durch die perfekt aufeinander passenden schweren Felsquader.

Wer sich für Tempel begeistert, der ist in Kambodscha genau richtig. Ich sehe Vishnu-Tempel, Shiva-Tempel, buddhistische Tempel, 1200 Jahre alte Tempel, 10 Jahre alte Tempel, Klostertempel, Tempel aus Sandstein und Tempel aus Lavasteinen…. Und ich bin begeistert. Ich kann viele wunderschöne Fotos machen, weil die Touristen im Juni Kambodscha meiden. Das ist einerseits ein großer Vorteil, wäre da nicht der Grund aus dem die Touristen das Land zu dieser Jahreszeit lieber nicht besuchen: das Klima. Bei 35 Grad im Schatten und annähernd 100% Luftfeuchtigkeit sind meine T-shirts und Hosen schon nach einer halben Stunde durchgeschwitzt. Glücklicherweise werden sommerliche Textilien hier überall für Spottpreise verkauft, so dass ich mir den Luxus gönne, spätestens jeden Abend eine frische Hose anzuziehen.

Kambodscha-Bengmealea

Auf dem Weg von Siem Reap, der Stadt von Angkor Wat, bis nach Phnom Penh gibt es noch mehr Tempel. Einige von ihnen sind noch älter als Angkor Wat. In Kampong Thom stehen die Überreste von Tempeln aus dem 7. Jahrhundert. Weiter geht es nach Kampong Cham, wo ein klein wenig vom Kolonialcharme noch übrig geblieben ist. Natürlich gibt es auch hier Tempel zu besichtigen. Interessant ist auf dem Weg nach Süden auch die Tatsache, dass die Menschen hier unheimlich gerne Insekten essen. Am Wegesrand stehen überall Vorrichtungen aus Plastikfolie und Lampen, die es den Menschen erlauben, kiloweise Grillen und Käfer zu „sammeln“. Am Wegesrand werden Seidenraupen, Grillen und sogar Taranteln angeboten, die frittiert und mit Chili verfeinert sind.

An die Taranteln traue ich mich nicht heran. Nachdem die Grillen mich in Burma nicht von ihrem Geschmack überzeugt haben, versuche ich es mit den Seidenraupen. Zu meiner unendlichen Überraschung schmecken diese überhaupt nicht schlecht. Die Würzmischung aus Salz und Koriander ist hilfreich. Aber auch die Tatsache, dass Seidenraupen keine unhandlichen Augen und zackige Füße haben, trägt dazu bei, dass ich sie ohne große Überwindung essen kann. Lieber mag ich jedoch das Nationalgericht Amok, das an eine Art Currysauce erinnert.

In Phnom Penh gibt es in der Innenstadt einen kleinen Bereich, der tatsächlich etwas von einer modernen Großstadt hat. Hier steht ein majestätischer Königspalast, es gibt Museen und jede Menge Restaurants. Fährt man jedoch nur 10 Minuten in die Außenbezirke, wirkt Phnom Penh wie ein riesiger Müllhaufen, auf dem Menschen leben. Die Bretterbuden sind ärmlich, die Straßen nur staubige Pisten und die Umgebung ist übersät mit Müll.

Kambodscha -kinderbakong

Ich durchquere aber diese weniger privilegierten Viertel von Phnom Penh, um zum Völkermorddenkmal Cheoung Eck zu gelangen, das im Süden der Stadt liegt. Hier, wo etwa 9000 Leichen gefunden wurden, ist ein Gedenkstupa errichtet worden, es gibt ein Museum und einen Audio-Guide, der dem Besucher einen kleinen Einblick in die Schrecken des Angkar-Regimes von Pol Pot und Khieu Samphan gibt. Erschüttert stehe ich vor den Massengräbern, in denen so viele Kambodschaner achtlos verscharrt wurden, einige nur wegen des „Verbrechens“ eine Fremdsprache zu sprechen oder eine Brille zu tragen.

Auch das Museum im ehemaligen Foltergefängnis Tuol Sleng ist sehr ergreifend. Die Gebäude der einstigen Grundschule, die in ein Gefängnis umgewandelt wurde stehen wie damals zur Besichtigung und in den Räumen ist eine große und fast schon zu anschauliche Sammlung von Dokumenten und Fotos zu sehen. Auf vielen Bildern sind die grausam zugerichteten Leichen der Insassen zu erkennen. Am Ausgang treffe ich zwei der nur sieben (!) von etwa 20.000 Überlebenden des Tuol Sleng Museums.

Kambodscha -neakpoan

Beide kämpfen gegen das Vergessen und mir wird nun erst richtig bewusst, dass alle Menschen über 40, die ich in den letzten Tagen getroffen habe, in irgendeiner Form unter diesem grausamen Regime gelitten haben. Niemand wurde verschont. Alle wurden mindestens einmal umgesiedelt, die meisten zweimal. Keine Familie durfte zusammen bleiben, Jeder hat einen Verlust erlitten (3 von 8 Millionen Menschen sind zwischen 1975 und 1979 an Hunger, Krankheiten, Folter oder Erschöpfung gestorben oder wurden gezielt ermordet) und trotzdem geht das Leben in Kambodscha weiter.

schweine

Das Grauen ist allerdings nicht mein vorherrschender Eindruck von Kambodscha. Ich finde ein Land vor, in dem die Menschen für eine bessere Zukunft kämpfen, in dem der Weg bis zur Demokratie noch recht weit zu sein scheint, aber in dem die meisten Bewohner auf mich zufrieden und ausgeglichen wirken. Gerade weil das kollektive Trauma des Pol Pot Regimes von der Politik gerne totgeschwiegen wird, ist es so wichtig, diese beiden Museen zu besuchen und das Gedächtnis der Menschen wach zu halten. Darin stimmt mir Yim zu.

Eure Beatrice!

 

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